Mit den Augen eines Architekten 1997


Die Software


Anwenderbericht zu ARCAD für Linux
Mit den Augen eines Architekten
von Michael Bauers

Michael Bauers beschreibt in diesem Artikel, wie er in seinem Architekturbüro in Dormagen den Umstieg mit ARCAD von DOS auf Linux geschafft hat.

Bühne frei für ein sicher nicht ganz alltägliches Experiment.

Modell aus ARCAD, erzeugt mit dem neuen QuickShader


Heutzutage ist es für ein mittelständisches Unternehmen nicht leicht, Konkurrenz-Fähigkeit im Wettbewerb zu beweisen.

Darum bekommt derjenige oftmals den Zuschlag der für das gleiche Geld mehr Leistung bieten kann.
In unserer Branche bedeutet das, dem Bauherren in kurzer Zeit Entwurfsvarianten in Grundrissen und Ansichten präsentieren zu können.

Natürlich ist die Visualisierung mittlerweile zu einem wichtigen Entscheidungshilfsmittel geworden.
Wir sind so ein mittelständisches Unternehmen für das sich auch vor einigen Jahren die Frage des CAD-Einstiegs gestellt hat.

Als kleineres Büro mit nicht mehr als vier festen und ab und an einem freien Mitarbeiter ist die Zeit der Amortisierung einer größeren Anschaffung wie die eines CAD-Systems ein entscheidender Punkt.

Die Wahl fiel dann 1993 auf ARCAD.
Seitdem wird in unserem Büro in den Bereichen Entwurf und Ausführungsplanung mit der Software unter DOS/Windows95 gearbeitet.

Der neue Quickshader

Where do you want to go tomorrow?
Die momentane Situation des ständigen Preisverfalls bei Hardware eröffnet dem Kreativen kostengünstigen Zugriff auf Rechenleistung, die vorher nur Grossfirmen zugängig war.

Animationen und komplexe Visualisierungen sind heute kein Thema mehr.
Dennoch gerät man sehr schnell an die Grenzen seines Computersystems.
DOS und Windows95 bieten da nur die Intel-Welt, alles andere bleibt verschlossen.

Linux bot da eine erfrischende Alternative, die Hardwarebeschränkungen existieren praktisch nicht mehr.
Ich hatte schon länger mit der Umstellung auf ein anderes Betriebssystem geliebäugelt, IBM´s OS/2 lief dann auch eine ganze Zeit auf einem Rechner parallel zu DOS/Windows.
Fehlende Treiber, fehlende Standardanwendungen, das Übliche.

Linux war zu dem Zeitpunkt noch als System für Freaks verschrieen und ein weiteres Betriebssystem zu erlernen war mir dann doch zu zeit- und arbeitsintensiv.
Nachdem die CAD-Software den Sprung aus der 16-Bit Dos-Welt in die 32-Bit Welt geschafft hatte, war es nur eine Frage der Zeit, bis eine Portierung auf ein reines 32-Bit Betriebssystem stattfinden würde.

Anfang dieses Jahres stand dann fest, dass für ARCAD die Betriebssystemplattform der Zukunft Unix bzw. Linux heissen würde.

Wie das mit neuer Software nunmal ist, braucht es einige Zeit bis zur annähernden Fehlerfreiheit und so entschied ich mich noch etwas zu warten.
Im Juni bestellte ich dann meine erste Linux-Distribution bei S.u.S.E., nachdem mir ARCAD die voll funktionsfähige Linux-CAD-Software vorgestellt hatte.

Erste Schritte

Die einschlägige Presse hat ja in den letzten Monaten verstärkt über Linux berichtet, überall waren Workshops zu finden oder auch Probeversionen.

Das trug dazu bei, daß ich recht mutig an die Linuxinstallation heranging.
Kurz gesagt, Festplatte formatiert, partitioniert, Windows95 reinstalliert, Linux CD eingelgt und nach einer Stunde lief das Ganze.

Ich hätte nicht gedacht, daß es so problemlos gehen wuerde.

Das Studieren des Handbuchs und Umdenken von WIN/DOS brauchte zwar auch seine Zeit, aber deutlich weniger als erwartet.
Windows95 und Linux fristen seitdem ein einträchtiges Nebeneinander auf meiner Festplatte.


Copyright © 1997 Linux-Magazin Verlag
Geschrieben 1997

Fazit


Obwohl mittlerweile jede Menge 3D-Konstruktions-Software für den Häuslebauer auf dem Markt ist, die sich preislich in Taschengeld-Regionen bewegen, kommt man als Profi nicht um eine groößere Investition herum.

Die läßt sich aber zum Glueck den persönlichen Bedürfnissen angepasst planen, wenn man sich für ARCAD entschieden hat.

So habe ich vor fünf Jahren ARCAD in unserem Büro mit einer reduzierten Version eingeführt, die bis zur Komplettversion ausgebaut habe, als der Leistungsumfang der Lizenz nicht mehr ausreichte.

Auf dem Markt der Architektursoftware steht ARCAD im Bereich der für Linux erhältlichen Produkte wohl ziemlich allein da, wobei der professionelle UNIX-Bereich zwar schon seit langem Profisoftware beinhaltet, diese preislich aber weit von dem entfernt ist, was eine ARCAD-Lizenz kosten würde.

Allerdings ist es wie beim Autokauf, dem einen muß der Wagen nur teuer genug sein, der andere kommt mit einer Ente aus.

Es empfiehlt sich für jeden erst einmal eine Probefahrt.


Copyright © 1997 Linux-Magazin Verlag
Geschrieben 1997

Alles neu macht ... das Betriebssystem

Es brauchte einen weiteren Ortstermin in Haltern, dem Stammsitz der Firma ARCAD, zwecks Installation der Linux-Version und einer kurzen Einweisung, bevor ich das CAD- Programm einem Tauglichkeitstest im täglichen Einsatz unterziehen konnte.

Nach Jahren der Arbeit mit ein und demselben Programm kommt man schnell ins Stolpern, wenn die neue Version einiges Altbekanntes über Bord wirft.

Das nimmt man aber gerne in Kauf, wenn im Gegenzug dafür das Arbeiten angenehmer wird.

Und das ist es wirklich geworden.

Multitasking, olé!

Um ein neu gerendertes Bild nachzubearbeiten oder ein Fax abschicken zu können will man nicht immer das Programm verlassen müssen.

DOS schob dem gleichzeitigen Arbeiten in mehreren Ebenen ja schon immer einen Riegel vor, man musste Windows nutzen.

Echtes Arbeiten mit mehreren Programmen parallel ermöglicht alledngs nur ein echtes 32-Bit Betriebssystem wie Linux.

Der größte Vorteil der neuen ARCAD-Version unter Linux ist allerdings nicht das Arbeiten parallel mit anderen Anwendungen, sondern das parallele Abarbeitenlassen anderer Prozesse in ARCAD.
So kann der Renderer im Hintergrund ein Bild berechnen, während im Vordergrund ein Grundriss geändert wird.

Elektrische Fensterheber statt Handbetrieb

Als geübter Anwender der DOS-Version ist der Umstieg auf ein Betriebssystem mit grafischer Benutzeroberflaeche wie der Umstieg von einem VW-Käfer auf einen Mercedes-Benz.

So hatte die DOS-Version stets mit dem Problem zu kämpfen,wie man einen weiteren Menuepunkt einbinden kann, ohne die Benutzerfuehrung unübersichtlich werden zu lassen.
Die Linux-Version des CAD-Programms überraschte mich mit einem neugestalteten Menü, das von der Funktionalität und der Befehlsanordnung zwar weitgehend mit der DOS-Version identisch war, ingesamt jedoch viel aufgeräumter und in sich logischer wirkte.

Flyouts in den Pulldownmenüs erlauben jetzt uneingeschränktes Erweitern der Anzahl Menuepunkte.
Natuerlich besteht immer das Risiko, daß man sich in einer sich weit verzweigenden Menuestruktur verirrt.

Darum gibt es in ARCAD die Möglichkeit, die Menüpunkte, die man häufiger benutzt wie einen Zettel abzureissen und irgendwo auf der Arbeitsfläche abzulegen.

Auch stehen jetzt eine Vielzahl an Werkzeugen zur Verfügung die unter DOS nur mit grossem Aufwand zu realisieren gewesen wären, unter Linux aber sehr leicht zu entwickeln waren oder schon vorlagen.

Zu nennen sind da zum Beispiel die Möglichkeit des Echtzeitshadings in einer OpenGL-fähigen Umgebung.
Die Qualität des in ARCAD implementierten Shaders kommt mittlerweile an grosse externe Programme leicht heran.

Auch Raytracing und externe Render-Programme werden von ARCAD mittels POV-Ray und 3D-Studio Schnittstelle direkt unterstuetzt.
Das bedeutet für mich als Anwender die größtmoegliche Freiheit bei der Wahl meiner Werkzeuge, wobei das in ARCAD enthaltene bis jetzt immer ausreichte.

... und dann kehrt der Alltag ein

Irgendwann ebbt die Begeisterung für ein neues Spielzeug dann doch ab und man muß sich wieder mit den alltaäglichen Aufgaben auseinandersetzen.

Gerade hier gab es dann doch für den Linux-Anfänger einige Hürden zu überwinden, zum Beispiel warum sich kein neues Verzeichnis erstellen läßt etc..
Aber ab einem gewissen Zeitpunkt möchte man sich einfach nicht wieder umgewöhnen.

Funktionen über Funktionen


Wichtiger als das reibungslose Zusammenarbeiten mit mehreren Programmen auf einem Multitasking-Betriebssystem ist natürrlich, inwiefern der Anwender durch das Programm bei sich ständig wiederholenden Aufgaben entlastet wird.
Das fängt schon bei ganz banalen Sachen wie dem Ändern von Wandstärken an und hört beim ständigen Aktualisieren der Ausschreibungs-Positionen auf.

Die normale Vorgehenswiese sieht wie folgt aus: Skizze per Hand , Übertragen des Entwurfs in das CAD-Programm als 3D- oder 2D-Modell, je nach Komplexität.
Dann beginnt die Phase der ständigen Änderungen, bis das Endprodukt den Autor oder den Bauherren befriedigt.

ARCAD unterstützt die verschiedenen Schritte des Entwerfens mit einem ganzen Set an Werkzeugen.
Zu jeder Funktion, die aufgerufen wird, erscheinen unter Linux jetzt auch die zum Kontetxt gehörenden Dialogboxen für Attribute.

Sie ermöglichen ein Ändern der Einstellungen für jedes Werkzeug parallel zum Bearbeiten eines Objektes.
Auf dem Desktop frei plazierbar lassen sie sich entweder permanent 'anpinnen' oder werden nach beenden einer Funktion ausgeschaltet.

Die auf dem Markt befindlichen CAD-Systeme unterscheiden sich meiner Erfahrung nach mitlerweile kaum noch im Funktionsumfang, entscheidender ist da mittlerweile die Verarbeitungsgeschwindigkeit und die Zeit die zur Einarbeitung gebraucht wird.

In beiden Punkten hat ARCAD stets sehr gut abgeschnitten, so läßt es bei der Berechnung von verdeckten Kanten von 3D-Modellen die namhafte Konkurrenz leicht hinter sich.
Durch die einfache Menüstruktur und dem weitgehend konsequenten Gebrauch von Textmenüs anstelle kryptischer Symbolleisten fand ich mich sehr schnell in der Arbeit mit ARCAD zurecht.

Neue Anwender brauchen meiner Erfahrung nach nicht länger als eine Woche von der Eingabe der Planungsgrundlagen in 2D bis zu einem Modell in 3D (no kidding!), wobei es kaum Unterschied macht ob es sich jetzt um ein Einfamilienhaus oder um einen 20-Parteien Wohnblock handelt.


Copyright © 1997 Linux-Magazin Verlag
Geschrieben 1997

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